Wie beschleunigt die Pandemie den Wandel der Lebensmittellogistik?

Ein Ausblick von Sönke Kewitz, P3 Logistic Parks Deutschland

  • Abb. 1: Mikro-Hubs des städtischen Immobilienentwicklers „Sogaris“ in Paris. © Daimler AGAbb. 1: Mikro-Hubs des städtischen Immobilienentwicklers „Sogaris“ in Paris. © Daimler AG
  • Abb. 1: Mikro-Hubs des städtischen Immobilienentwicklers „Sogaris“ in Paris. © Daimler AG
  • Abb. 2: Autonome Lieferroboter von Daimler. © Daimler AG
  • Sönke Kewitz,  P3 Logistic Parks  Deutschland

Die aktuelle Krise verschärft die disruptive Entwicklung des Lebensmittelhandels. E-Commerce und gesundes Convenience Food rücken in den Mittepunkt. Um einen marktfähigen Service anbieten zu können, müssen Onlinehändler hocheffiziente Lieferketten schaffen. Schlüsselfaktoren sind hierbei Omni-Channel-Logistik, innovative Kühllösungen und hohe Automatisierungsgrade. Daneben stehen Logistikimmobilienentwickler wie P3 Logistic Parks vor der Herausforderung, Mikro-Distribu­tionszentren und Flächen im urbanen Raum zu erschließen.

Während die Lockdown-Maßnahmen den Bedarf nach langlebigen Konsumgütern und Bekleidung stark einbrechen lassen, kommen Lebensmittel erwartungsgemäß gut durch die Krise. Die Quarantänemaßnahmen verliehen dem E-Commerce einen enormen Schub. Allein bei Lebensmitteln stieg die Online-Nachfrage zwischenzeitlich um 81 % gegenüber 2019 [McKinsey & Company, Akzente Sonderedition Mai 2020, 9 (2020)]. Auch nach der Krise werden die Menschen ihre Lebensmittel häufiger digital bestellen, insbesondere gesundes Convenience-Food. Wer sich an den Komfort gewöhnt hat, flexibel von zu Hause einzukaufen, vermisst enge Supermärkte und lange Warteschlangen nicht. Wie schnell sich der Online-Trend weiter im Massenmarkt durchsetzt, hängt von den Fähigkeiten der Händler ab, ansprechende Einkaufserlebnisse zu bieten und produktive Logistiksysteme aufzubauen.

Mikro-Hubs erhöhen Liefereffizienz

Neben bestimmten Medikamenten ist kaum eine Online-Warenlieferung mit größeren Herausforderungen für die Logistik verbunden als Lebensmittel. Home-Delivery-Anbieter müssen die Produkte aus einem hochkomplexen Sortiment über mehrere Temperaturbereiche in wenigen Stunden kommissionieren und zustellen. Smarte Logistik vermeidet somit die Ineffizienzen der noch dominierenden filialbasierten Kommissionierung. Auf der Unternehmensebene setzt sich etwa die Omni-Channel-Logistik zunehmend durch. Die Verzahnung aller vorhandenen Informations- und Vertriebskanäle der Betriebe betrachtet Lagerung, Kommissionierung und Transport nicht mehr isoliert, sondern als ganzheitlich integrierter Supply-Chain-Prozess.
Auf der Netzwerkebene nimmt die Nachfrage nach Mikro-Distributionszentren zu.

Die Mikro-Depots ermöglichen effizientere und schnellere Lieferketten für die Lebensmittel. Diese Logistikstrategie rückt Waren näher an den Endverbraucher und beschleunigt somit die Auslieferung auf der letzten Meile. Hierbei transportieren Lkws die Lebensmittel von regionalen Warendepots außerhalb des Stadtgebiets zu den Mikro-Distributionszentren in den Städten. Von diesen Zwischenlagern gehen die Sendungen direkt zum Zustellort. Die Mikro-Depots nehmen dabei die Funktion zusätzlicher Knotenpunkte ein, die das Logistiknetz verdichten, wodurch sich die Lieferwege auf der letzten Meile verkürzen. Die Folgen sind weniger Verkehr sowie schnellere, zuverlässigere und umweltschonendere Lieferungen.

Smarte Verpackungen mit Tracking-and-Tracing

Der Markt für Convenience Food befindet sich ebenfalls im Umbruch. Zwar wächst der Gesamtumsatz für Tiefkühlprodukte nur noch moderat, dennoch entstehen zahlreiche neue Geschäftsmodelle. Der Trend geht weg von ungesunden Ernährungsweisen hin zu frischem und regio­nalem Essen. Ein typisches Beispiel ist die Belieferung mit fertig zubereiteten Gerichten ins Homeoffice. Gerade in urbanen Ballungsgebieten wächst die Beliebtheit entsprechender Lebensmittel-Lieferdienste. Notgedrungen betreten mittlerweile auch stationäre Systemgastronomie-Ketten und kleine Restaurants den Markt.

Mit Same-Day-Delivery und Lieferdiensten bis an die Haustür nimmt aber auch die Verkehrsdichte zu, denn Convenience-Food Anbieter unterhalten üblicherweise eigene Logistikstrukturen, von wenigen Rollern bis zu umfangreichen Fuhrparks. Eine effiziente Abwicklung dieser hochfrequenten und kleinteiligen Lieferungen ist auf diese Weise kaum möglich. Hier kommt die Logistik ins Spiel und kann als Systemintegrator fungieren, indem sie die Belieferungsprozesse der Convenience-Food-Anbieter bündelt. Mit Logistiksystemen lassen sich Synergien nutzen und kleine Betriebe sehen sich nicht mehr gezwungen, eigene Strukturen aufzubauen. Eine Herausforderung dabei bleibt die Zusammenführung verschiedener IT-Subsysteme auf einer zentralen Plattform.

Doch die Königsdisziplin der Lebensmittellogistik ist die Auslieferung auf der letzten Meile über alle Temperaturzonen hinweg. Einen Lösungsansatz für aktive Kühlungen bieten Mehrkammer-Transportfahrzeuge, die verschiedene Temperaturzonen führen. Für die passive Kühlung eröffnen innovative Verpackungslösungen neue Distributionsmöglichkeiten. Diese Verpackungen sind hauptsächlich dann von Vorteil, wenn der Warenempfänger bei der Zustellung nicht zuhause ist. Neue Lösungen werden immer leichter, wodurch die Ladekapazität steigt und die Transportkosten sinken. Intelligentes sensorbasiertes Tracking-and-Tracing überwacht zusätzlich nicht nur die Strecke, sondern auch den Temperaturverlauf aller Produkte entlang der Logistikkette.

Flächenmangel als Nadelöhr

Zunehmende Online-Bestellungen in Ballungsräumen erfordern Belieferungen aus E-Commerce Fulfillment-Centern. So betreibt Tesco aus Großbritannien seit Jahren eine Kombination aus Filial- und Zentrallagerkommissionierung. Das Unternehmen bietet sein Online-Geschäft landesweit an, konzentriert sich aber auf den Großraum London und nutzt dort mehrere Kommissionierungszentren. Walmart konkurriert nun mit Amazon und wandelt einige Filialen in Distributionszentren um, wodurch den Kunden eine größere Auswahl und schnellere Services zur Verfügung stehen.
Eine wesentliche Hürde für den Online-Lebensmittelhandel ist der Aufbau urbaner Fulfillment-Center, denn in den Metropolen herrscht Flächenknappheit. Logistikimmobilienentwickler wie P3 Logistic Parks sehen in der Transformation leerstehender Gebäude einen praxistauglichen Lösungsansatz. Leerstehende Shopping Malls können oft in hochmoderne Distributionszentren umgebaut werden. Amazon hat bereits zahlreiche Shopping Malls umfunktioniert, wie z. B. das 700.000 m2 große Rolling Acres Einkaufszentrum in Akron, Ohio. Nachhaltigkeit im Sinne der Green Logistics sollte dabei immer mitgedacht werden. Etwa durch ressourcenschonendes Bauen, mehrstöckige Immobilien, welche die Bodenversiegelungen geringhalten und durch zentrale Lagen, die Fahrtwege reduzieren und verkürzen.

Bei der Lagerhaltung von Kühl- und Tiefkühlprodukten in den Logistikzentren herrschen temperaturbedingt widrige Arbeitsbedingungen. Lebensmittelhändler und Logistik experimentieren deshalb mit zunehmenden Automatisierungsgraden, bspw. folgen automatisierte Lager- und Kommissioniersysteme dem Prinzip Ware-zu-Mensch. Fahrbare Roboter nehmen dabei kleine Regaleinheiten auf und befördern diese zu den Lagermitarbeitern an den Kommissioniertisch.

Ausblick

Mit Omni-Channel-Logistik, Mikro-Distributionszentren und smarten Kühlboxen steht der Wandel im Lebensmittelhandel erst am Anfang. Längerfristig könnten die Lebensmittel in manchen Fällen direkt vom Erzeuger zum Konsumenten gelangen, ohne Supermärkte und Restaurants. Transportcontainer mit in sich geschlossenen Ökosystemen für den Lebensmittel-Anbau befinden sich schon in der Entwicklung. Roboter-Köche, 3D-gedruckter Käse und essbare Wasser­flaschen klingen nach Science-Fiction, einige Unternehmen führen jedoch bereits erste Praxistests durch. Auch die Logistik wird den künftigen Wandel im Lebensmittelhandel weiter mitgestalten – mittels Drohnenlieferungen, Roboterfahrzeugen, unterirdischen Tunnelsystemen und vielen weiteren Innovationen.
 


DER AUTOR
Sönke Kewitz ist Geschäftsführer von P3 Logistic Parks Deutschland, einem langfristigen Eigentümer und Entwickler von Logistikimmobilien mit mehr als 6,2 Mio. m² vermietbarer Fläche und einer umfangreichen Landbank für weitere Entwicklungen. Seit knapp 20 Jahren investiert das Unternehmen auf den europäischen Märkten und ist inzwischen in zwölf Ländern aktiv. Mit Hauptsitz in Prag beschäftigt P3 mehr als 190 Mitarbeiter in elf Büros in wichtigen europäischen Städten und unterstützt Kunden aus unterschiedlichsten Branchen von der Standortwahl über die Genehmigung, Beschaffung und Konstruktion der Logistikimmobilien hinaus bis zum Property Management.

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Ulmenstraße 37-39
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Telefon: +49 17 24 037 217

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