Cloud-Dienste, Big Data und cyber-physikalische Systeme: Kompetenzen und Rechtssicherheit für die digitale Transformation

Lebensmittel 4.0 – wohin geht die Reise? - Bericht von der Netzwerk-Veranstaltung bei 3M in Neuss am 25. Juni 2019

  • Abb.1: Diskussion bei der Netzwerk-Veranstaltung zum Thema Lebensmittel 4.0 bei 3M in Neuss.Abb.1: Diskussion bei der Netzwerk-Veranstaltung zum Thema Lebensmittel 4.0 bei 3M in Neuss.
  • Abb.1: Diskussion bei der Netzwerk-Veranstaltung zum Thema Lebensmittel 4.0 bei 3M in Neuss.
  • Abb. 2: Die Referenten (von links): Dr. Boris Riemer, Prof. Martin Wiedman, Norbert Reichl und Justin Stefan.
  • Abb. 3: Austausch am Rande der Netzwerk-Veranstaltung zum Thema Lebensmittel 4.0 bei 3M in Neuss.
  • Dipl.-Ing. Mathias Boldt, Scientific Marketing und Professional Service Manager, 3M Geschäftsbereich Food Safety/Automation & Contract Labs EMEA
Wege zur Digitalisierung in der Lebensmittelindustrie waren Themen einer Forums-Veranstaltung, zu der 3M Ende Juni 2019 nach Neuss eingeladen hatte. Die Referenten beleuchteten die aktuelle Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln und gaben Impulse für Diskussionen und lebendigen Austausch untereinander. Deutlich wurde: Jedes Unternehmen, egal welcher Größe, kann und muss die Digitalisierung nutzen – je schneller und planvoller, desto besser.

Neben dem großen Interesse am Thema Digitalisierung ist branchenweit noch sehr viel Unsicherheit zu spüren. Dabei wissen alle: Wir müssen uns dem Thema stellen und Entscheidungen treffen, idealerweise gestützt durch Erfahrungen und Sichtweisen anderer. Um diese kennen zu lernen, bot 3M am 25. Juni 2019 ein Forum: Rund 30 Teilnehmer aus der Lebensmittelindustrie, aus Labors, Hochschulen und Behörden trafen sich im Technologiezentrum des Unternehmens in Neuss zu einer Netzwerk-Veranstaltung mit dem Titel „Lebensmittel 4.0 – wohin geht die Reise?“.

3M zählt zu den größten Anbietern von mikrobiologischen Produkten für die Lebensmittel-Sicherheit und ist u. a. in puncto Automatisierung und Digitalisierung sehr aktiv, etwa in Kooperation mit dem Hersteller Tecnic B.V. Diese Aspekte spielten bei der Veranstaltung allerdings keine Rolle – hier ging es um übergeordnete Perspektiven.

Abwarten als größtes Risiko
Warum die Ressource Daten immer wichtiger wird und welche Dynamik die Entwicklung aufgenommen hat, stellte Norbert Reichl von der Food Processing Initiative dar. Die in Bielefeld angesiedelte Organisation vernetzt 120 Mitglieder aus Wirtschaft und Wissenschaft. Wie Daten genutzt werden, ist für den Referenten in erster Linie eine Frage der Einstellung. So gibt es Vorreiter – Akteure, die man früher nicht sah, und neue, datengestützte Geschäftsmodelle wie beim Transportdienstleister Uber, der selbst keinen Fuhrpark besitzt, und „Airbnb“, dem Vermittler von Ferienwohnungen ohne eigene Immobilie. Solche Konzepte verändern die Zugänge zum Markt und verkürzen die Wertschöpfungskette deutlich. Diesen Vorteil können sich auch kleinere Unternehmen zu Nutze machen.

Etwa der Bioland-Erzeuger Gut Wilhelmsdorf, der seinen Hofladen durch einen Online-Shop mit Lieferservice ergänzt hat, technisch ohne allzu großen Aufwand.

Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen können digitale Transformations-Projekte, so der Referent, bei Bedarf durch Fördermittel gestützt werden, z. B. von der EU. Denn: „Das größte Risiko ist Abwarten.“ Die Veränderungen der Arbeitswelt erfordern zugleich neue Konzepte, die mit den Sozialpartnern abzustimmen sind. Indem „digitale Kompetenzen“ an Bedeutung gewinnen, werden in der modernen Lebensmittel-Verarbeitung stark spezialisierte Ausbildungen notwendig sein.

Big Data in der Wissenschaft
Einblicke in Methoden, bei denen die Digitalisierung neue Wege in der Wissenschaft eröffnet, gab Prof. Martin Wiedman vom College of Agriculture and Life Sciences (CALS) der renommierten Cornell University in Ithaca/US-Bundesstaat New York. Dort wird Grundlagenforschung mit engen Kontakten zur Industrie verknüpft, insbesondere im Bereich Big Data. Der Referent thematisierte die datenbasierte Modellierung im Bereich Lebensmittelsicherheit und -qualität und stellte mathematische und statistische Modelle vor, also vereinfachte Versionen von komplexeren Phänomenen. „Modelle sind immer falsch“, räumte Prof. Wiedman ein, doch sie seien hilfreich, wenn es darum geht, Abläufe weniger fehlerhaft zu machen. Sie ermöglichen die Erforschung von potenziellen Gefahren und möglichen Interventionen auch unter dem Aspekt der Kosten. Daher werden sie routinemäßig zur Risiko-Abschätzung eingesetzt. 

Der Referent stellte u. a. Monte-Carlo-Simulationen vor, mit denen die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses mit Mitteln der Wahrscheinlichkeitstheorie und der Statistik errechnet werden kann. Das CALS wendet diese Methoden bspw. bei Haltbarkeitsprognosen für Frischmilch und Joghurt, bei der Untersuchung der Übertragung von Krankheitserregern wie Listerien und Salmonellen in Lebensmittelbetrieben und bei der Lebensmittelhygiene in der „digitalen Landwirtschaft“ an. Immer gehe es auch darum, nach der Untersuchung die Daten sorgfältig auszuwerten und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Prof. Wiedmans Appelle an die Teilnehmer: „Investieren Sie in die Digitalisierung – achten Sie auf Datengenauigkeit – finden Sie Partner – starten Sie Pilotprojekte!“
 
„Die rechtliche Seite hinkt hinterher“
Juristische Aspekte der Digitalisierung waren das Thema von Rechtsanwalt Dr. Boris Riemer aus der Sozietät Seitz & Riemer in Lörrach. Daten werden inzwischen in allen Sektoren erfasst, von der Landwirtschaft über die Industrie bis zu Dienstleistungen. Die Datenerfassung erfolgt etwa durch Sensoren oder Aufzeichnungen, wenn nicht bereits unmittelbar durch das Internet der Dinge. Massendatenverarbeitung (Big Data) ermöglicht deren Analyse und macht Daten zu handelbaren Gütern – über die Landesgrenzen hinaus, denn insbesondere Cloud-Dienste werden nicht am Ort des Datenanfalls oder der Datenanalyse betrieben. Doch „immer hinkt die rechtliche Seite dem technischen Fortschritt hinterher“, so Dr. Riemer. Denn das Recht hat für diese technischen Möglichkeiten noch keine Rechtsinstitute etabliert. Urheberrecht, Sachen- und Eigentumsrecht und Recht des geistigen Eigentums erfassen die Fragestellungen allenfalls teilweise und zudem in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Auch sei bei persönlichen Daten der Datenschutz zu beachten.
Weil viele juristische Fragen offen sind, bspw. zum Eigentum an Daten und den Voraussetzungen für deren Übertragung, hält der Referent durchdachte vertragsrechtliche Regelungen für „eminent wichtig“. Freilich sei es momentan noch offen, ob sich die juristischen Lücken mit Verträgen schließen lassen oder ob es besser wäre, ein eigenes Datennutzungsrecht zu schaffen.

Externe Unterstützung nutzen
Einen Überblick über den aktuellen Status der Digitalisierung gab Justin Stefan vom Lebensmittelinstitut KIN, dem Kompetenzzentrum für Digitalisierung in Neumünster. Auch er ging auf Hilfs- und Fördermöglichkeiten ein, etwa durch die Initiative „Mittelstand-Digital“ und durch Plattformen wie „Industrie 4.0“ und „STEPS“. Stefan stellte u. a. „smarte“ Produkte und cyber-physikalische Systeme (CPS) als Teil einer „Smart Factory“ vor: „intelligente“ Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel, die selbstständig Informationen austauschen, Aktionen auslösen und einander steuern. 

Seine Beispiele reichten von Rückverfolgungs-Systemen in einer Schlachterei über einen Sechs-Achsen-Roboter zum vollautomatischen Auslösen von Knochen bis zur Ferndiagnose bzw. vorausschauenden Wartung. Der Referent empfiehlt u. a., bei der Digitalisierung zunächst für eine stabile Grundlage nach Lean-Prinzipien zu sorgen, die Mitarbeiter möglichst frühzeitig in Veränderungen einzubeziehen, Qualifikation voranzutreiben, interdisziplinäre Teams zu fördern und externe Unterstützung zu nutzen.

Mut zur Veränderung
Die zahlreichen und lebhaften Diskussionsbeiträge aus dem Kreis der Teilnehmer zeigten das starke Interesse am Erfahrungsaustausch untereinander und die Bereitschaft, andere am eigenen Know-how partizipieren zu lassen. Deutlich wurden auch die vielfältigen Herausforderungen, z. B. die Schwierigkeit der Definition, welche Daten überhaupt gebraucht werden, die Einbeziehung analoger Auswertungen und fehlende Korrelations-Analysen. Einigkeit bestand indes über die wesentlichen Punkte: Man braucht eine Strategie. Man braucht ein Bewusstsein für die Datenqualität. Man braucht starke Netzwerke. Und nicht zuletzt: Man braucht den Mut zur Veränderung.

 

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