Bericht von der QS-Leitertagung 2019 der Akademie Fresenius

Strecken, Schönen, Fälschen: Welche Risiken verbergen globale Lieferketten und wie kann man ihnen wirksam begegnen?

  • Abb. 1: Dr. Michael Lendle (links; AFC Risk & Crisis Consult) mit Moderator Dr. Markus Grube (rechts; KWG Rechtsanwälte) referierten im Themenblock „Unternehmenskultur Qualität“.Abb. 1: Dr. Michael Lendle (links; AFC Risk & Crisis Consult) mit Moderator Dr. Markus Grube (rechts; KWG Rechtsanwälte) referierten im Themenblock „Unternehmenskultur Qualität“.
  • Abb. 1: Dr. Michael Lendle (links; AFC Risk & Crisis Consult) mit Moderator Dr. Markus Grube (rechts; KWG Rechtsanwälte) referierten im Themenblock „Unternehmenskultur Qualität“.
  • Abb. 2: Dr. Markus Zell (GBA Gesellschaft für Bioanalytik in Hamburg) in der Diskussion mit Jürgen Schlösser nach dem Vortrag „Update Allergenmanagement“.
  • Abb. 3: Nach den Worten von Dr. Ingrid Kiefer (AGES) ist die faktenbasierte Risikokommunikation mit dem Hindernis der gefühlten Wahrheit konfrontiert, d. h. Laien folgen bei ihrer Bewertung eher ihren Gefühlslagen als den Fakten.
  • Abb. 4: Qualitätssicherungsvereinbarungen (QSV) mit Lieferanten und Dienstleistern seien rechtlich im Grunde wie eine AGB zu bewerten, so Rosi Eder-Wörthmann (Red Bull). Sie empfahl dem Auditorium, QSVs immer juristisch prüfen zu lassen.
  • Autor: Dr.-Ing. Jürgen Kreuzig, Chefredakteur LVT LEBENSMITTEL Industrie

Chili mit gemahlenem Ziegel, Malachitgrün in Erbsen, Pangasius statt Seezunge, fragwürdige Anbieter mit Etiketten- und Dokumentenschwindel: Welche Risiken verbergen globale Lieferketten und wie kann man ihnen wirksam begegnen? Wo liegen Vorteile und Grenzen der Blockchain-Technologie, von Rückverfolgbarkeit oder Risikokommunikation? Die Fragen nach adäquaten Handlungsoptionen beschäftigten die Teilnehmer der QS-Leitertagung der Akademie Fresenius am 26. und 27. Juni 2019 in Köln. Die Diskussionen zu den Vorträgen des 11. Fresenius-Praktikertreffens führten u. a. zur Aufgabe der Praktikabilität im Alltag der Qualitätssicherung.

Die Vorträge und Diskussionsrunden des 11. Fresenius-Praktikertreffens behandelten drei Themenblöcke:

  • Update Recht, Analytik und Standards,
  • sichere Daten, sichere Prozesse, sichere Produkte,
  • Unternehmenskultur Qualität.

Ilka Müller (Die Akademie Fresenius) und Moderator Dr. Markus Grube (KWG Rechtsanwälte) begrüßten das Auditorium und ermunterten den Austausch. Alle Impulse der Tagung müssten schlussendlich durch das Nadelöhr der Praxisfrage: Wie setze ich das Gehörte in meinem Unternehmen um? Welche Erfahrungen haben andere QS-Verantwortliche auf dem jeweiligen Gebiet bereits sammeln können?

Update Recht, Analytik und Standards
Der Vortrag „Neues aus der EU“ eröffnete den Themenblock „Update Recht, Analytik und Standards“. Peter Loosen informierte über die jüngste Namensänderung seines Verbandes: Der „Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde“ heiße nun „Lebensmittelverband Deutschland“. Als Leiter von dessen Brüsseler Büro skizzierte Loosen das Bild im EU-Parlament nach der Europawahl vom 23. bis 26. Mai 2019: Die große Koalition aus EVP und S&D funktioniere nicht mehr. Durch das Wahlergebnis seien 63 % der Abgeordneten neu im EU-Parlament. Damit sei das Know-how und das institutionelle Gedächtnis des EU-Parlaments in weiten Teilen verloren. „Was bedeutet das für die Lebensmittelgesetzgebung?“, fragte Loosen. Die Lage sei unklar und die offene Brexit-Frage brächte weitere Unsicherheiten.

„Es wird alles nicht leichter, aber das ist unser Job“, so der Referent.

Als Update zu den wichtigsten lebensmittelrechtlichen Regelungsinitiativen in der EU nannte Loosen die Gültigkeit der Novel Food Verordnung seit dem 1. Januar 2018. Ab dem 1. April 2020 solle die Herkunftskennzeichnung primärer Zutaten gelten. Die Verordnung Transparenz Risikobewertung EU gelte ab September 2021. Mit Blick auf die allgemeinen Entwicklungen in der EU müsse die Richtlinie Dual Quality bis 2021 von den Mitgliedsstatten umgesetzt werden. Ein EU-weit erhältliches Produkt soll künftig nicht mehr in verschiedenen Qualitäten bei ansonsten identischer Etikettierung und Markenkennzeichnung im Verkehr sein. Die Umsetzung der Richtlinie sei jedoch juristisch nicht trivial, dank einer Vielzahl nicht definierter Rechtsbegriffe.

 Der Rat der Europäischen Union will mit der Verordnung zur gegenseitigen Anerkennung, die zum 19. April 2020 Gültigkeit erlange, den Binnenmarkt stärken. Der aktuelle Rechtsrahmen regele kein effizientes gegenseitiges Anerkennungsverfahren für den Marktzugang von Waren, deren Produkt- und Verbrauchersicherheit von zwei EU-Mitgliedsstaaten unterschiedlich eingestuft werde. Unternehmen erlitten dann ungerechtfertigte Kosten und Verzögerungen, da sie ihre Waren an die individuellen Anforderungen nationaler Märkte anpassen müssten. „Wie immer macht die Wirtschaft Leitlinien und ist schneller als die Politik“, kommentierte Loosen.

Ein „Update Allergenmanagement“ gab Jürgen Schlösser (Schloesser Consult). Der Lebensmitteltechnologe war mehr als 25 Jahre bei Dr. Oetker u. a. für F&E und für Qualitätssicherungssysteme verantwortlich. Dr. Anett Winkler (Cargill Deutschland) sprach über „Foreign Supplier Verification – was bedeutet das für Zulieferer in die USA“. Das berufliche Aufgabengebiet der Mikrobiologin umfasst u. a. die Validierung und Zulassung von Zulieferern für mikrobiologisch kritische Rohwaren. Der Vortrag von Johanna Stumpner beschäftigte sich mit einem „Update Biorecht, wichtigste Änderungen im Überblick“. Die Referentin arbeitet auf den Themengebieten Recht und Internationales bei der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL).

Sichere Daten, Prozesse und Produkte
Mark Zeller, eröffnete den Themenblock „sichere Daten, sichere Prozesse, sichere Produkte“ am ersten Veranstaltungstag. Der COO von Ftrace, einer 100 % Tochter von GS1 Germany, beleuchtete in seinem Vortrag das Thema „Foodsafety und Rückverfolgbarkeit mit und ohne Blockchain“ und präzisierte die Begrifflichkeiten: Eine Blockchain sei kein Traceability-System, doch sie biete verschiedene Eigenschaften, die ihre Nutzung für ein Traceability-System ermöglichten. Ein Traceability-System könne ohne Blockchain implementiert werden, doch biete die Blockchain zusätzlichen Nutzen bei der Vertrauensbildung aller Beteiligten.

Ftrace habe sich seit 2012 von einer proprietären App zu einer GS1 basierten Software as a Service entwickelt, die bei den Top 100 der deutschen fleischverarbeitenden Industrie mittlerweile eine Durchdringung von 75 % errei
che. Der Referent gewährte Einblicke in ein Blockchain-Projekt zu einem digitalen Palettenschein, mit 35 verschiedenen Projektteilnehmern.
Die Transparenz einer Blockchain biete Fluch und Segen: Die Digitalisierung der Zettelwirtschaft erleichtere die Tätigkeiten an der Laderampe und biete Effizienzgewinne im Backoffice durch vereinfachte Kontenabstimmungen und Saldenberechnung. Doch sei die Blockchain kein Heilmittel für unzureichende Daten. Auch müsse sich jedes Unternehmen klar werden, welche Informationen es preisgeben möchte.
Über die Rolle der „Blockchain und die Lebensmittelrückverfolgung mit IBM Food Trust“ sprach Christian Schultze-Wolters, Geschäftsbereichsleiter IBM Blockchain Solutions DACH bei IBM Deutschland. Er verdeutlichte den Zeitgewinn der Blockchain-Technologie am Beispiel der Rückverfolgung geschnittener Mangos bei Walmart mit Hilfe der Blockchain „IBM Food trust“. Die Rückverfolgung bis zum Erzeuger verkürzte sich von rund sieben Tagen auf 2,2 Sekunden.
Die „risikobasierte Bewertung globaler Warenströme“ behandelte der Vortrag von Rolf Kamphausen. Der Tierarzt im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW ist zuständig für Lebensmittelsicherheit, Krisenmanagement bis hin zu Fragestellungen auf dem Gebiet des Lebensmittelbetrugs. Eine Präsentation zum „Umgang mit externen Risiken am Beispiel Verpackung: Gibt es eine sichere Verpackung?“, gab Dr. Ralph Derra, Geschäftsführer des Prüf- und Zertifizierungsinstituts Isega. Dr. Martina Oetjen, Leiterin Konzernqualitätsmanagement und Veterinärwesen bei Westfleisch, sprach über den „Umgang mit externen Risiken am Beispiel der Afrikanischen Schweinepest – Krisenpläne der Wirtschaft“. Das Thema „Umgang mit Untersuchungsergebnissen zu den Kriterien der Verordnung (EG) Nr. 2073/2005“ präsentierte Markus Paul, Eurofins Food Germany. Der Referent ist spezialisiert auf Laboranalysen, Audits und Zertifizierungen für Lebensmittel tierischer Herkunft.

Im Auftaktvortrag des zweiten Veranstaltungstages sprach Rosi Eder-Wörthmann, Leiterin des Global Quality Supplier Managements, Bedarfsgegenstände und Complaints bei Red Bull, über den „Umgang mit ausgelagerten Prozessen und Co-Packing“. Sie stellte u. a. die Frage „kann ich mich auf Copacker (Lohnabfüller) verlassen und welche Sicherungsinstrumente habe ich?“. Ausgelagerte Prozesse, wie z. B. die externe Wäschereinigung für einen Lebensmittelbetrieb, würden in der ISO 9001 wie Lieferanten behandelt und seien entsprechend zu überwachen durch Lieferantenaudits, Lieferantenbewertung oder durch die Wareneingangskontrolle.

„Wissenschaft versus Fakenews: Umgang mit (Un-)Sicherheiten, Risiken und deren Wahrnehmung“ war das Thema von Dr. Ingrid Kiefer. Die Dozentin leitet den Fachbereich Risikokommunikation der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Faktenbasierte Risikokommunikation sei mit dem Hindernis der „gefühlten“ Wahrheit konfrontiert, d. h. Laien folgten bei ihrer Bewertung weniger den Fakten als den eigenen Gefühlslagen. Außerdem unterlägen Menschen dem Bestätigungsfehler oder Confirmation Bias der Kognitionspsychologie: Informationen würden eher aufgenommen, wenn sie eigene Überzeugungen bestätigten. Die Kommunikation von Fakten gegen Fake-News in der Zielgruppe erleide mitunter den „Backfire-Effekt“: Er führe dazu, dass Fake-News-Standpunkte noch vehementer vertreten würden.

Laien, Experten oder Journalisten schätzten Risiken prinzipiell ganz unterschiedlich ein, so ein Resümee der Referentin. Im Umgang mit NGOs empfahl Ingrid Kiefer zwei Strategien: zum einen Stakeholder-Dialoge und zum anderen die proaktive Themensetzung. Die Referentin brach eine Lanze für die zielgruppenspezifische Risikokommunikation im direkten Kontakt mit Verbraucherinnen und Verbrauchern, bzw. mit klassischen und sozialen Medien. Verständlichkeit habe dabei eine ebenso hohe Priorität wie Glaubwürdigkeit, Offenheit, Transparenz, Konsistenz und Kompetenz.

Dr. Andreas Plischke, wissenschaftlicher Referent beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), führte das Auditorium in das Thema „Behördliches Risikomanagement im europäischen Kontext: RASFF, Food Fraud Network, IMSOC“ ein.

Einen Praxisbericht zum Thema: „Relevanz von Food Fraud“ im Kontext von Risk-Assessment, Rohstoff-Relevanz und Food Fraud Präfention, gab Andreas Witsch, Leiter des Risikomanagements der Develey Senf & Feinkost in Unterhaching. Food Fraud sei für Develey kein großes Risiko, doch mit seiner Erfahrung aus 27 Jahren Qualitätssicherung bekannte sich der Referent mit einem Augenzwinkern als Vollbluthypochonder. Kreuzkümmelimporte aus den Kriegsgebieten Syriens machten QS-Verantwortliche genauso nachdenklich, wie Manuka–Honig aus dem Blütennektar der Südseemyrte, dessen verkauftes Volumen viermal größer sei, als das weltweit hergestellte. Auch sei die Blockchain allein kein Sicherheitsaspekt, es sei denn, die Kriminellen dokumentierten akribisch ihren Betrug, wie z. B. „Sojaöl fein abgestimmt mit Chlorophyll nach der Art eines Olivenöls extra“. Andreas Witsch riet zur umfassenden Prüfung der Lieferanten. Optimal seien Lieferanten in der EU wegen der gleichen Rechtsgrundlagen. Entlang der Lieferkette seien Kunden und Lieferanten die Player auf dem gleichen Spielplatz, so der Referent. „Sprechen Sie offen über Risiken mit den Lieferanten, aber auch mit den Kunden. Nur so entsteht das Verständnis, wo die Manipulation stattfindet. Nur so kann man gemeinsam vorgehen“, riet Andreas Witsch.

Unternehmenskultur Qualität
Am zweiten Veranstaltungstags startete der Themenblock „Unternehmenskultur Qualität“. Thema des Vortrags von Dr. Markus Grube, KWG Rechtsanwälte, war die „behördliche Information der Öffentlichkeit über Verstöße gegen das Lebensmittelrecht“.
Über „Food Compliance: Transparenz zur Erfüllung von Informationsansprüchen relevanter Marktpartner“, sprach Dr. Michael Lendle, geschäftsführender Gesellschafter von AFC Risk & Crisis Consult. Der Referent definierte Food Compliance als die Einhaltung aller berechtigten Ansprüche relevanter Stakeholder. Kritische Stakeholder für Lebensmittelproduzenten seien Verbraucher, NGOs, Medien, Behörden und Kunden. Issue-Monitoring diene den Unternehmen als Instrument der Risiko-Frühwarnung. Angesichts von rund 430 Kontrollbehörden in Deutschland sagte Michael Lendle: „Nur Sie können wissen, wieviel Transparenz Sie brauchen!“

Das Managementthema „QS-Leitung: Mit den richtigen Führungsmethoden und Regelkreisen neue Impulse in der Teamkommunikation setzen“ behandelte Dirk Piston. Der Referent ist Geschäftsführer der PTA Praxis für teamorientierte Arbeitsgestaltung in Köln.

Fazit
Inhalt und Konzeption der QS-Leitertagung überzeugten: Neue Impulse wurden gesetzt, das bestätigten die lebendigen Diskussionen mit ihren weiterführenden Anregungen zu den Vortagsthemen, zum elften Male professionell moderiert von Dr. Markus Grube. Der Moderator bekannte bei der Verabschiedung dem Auditorium: „Es macht Freude mit Ihnen eineinhalb Tage zusammen zu arbeiten“. Erneut profitierte die Veranstaltung von der perfekten Organisation und dem stringente Zeitmanagement des Teams der Akademie Fresenius rund um Ilka Müller. Die Staffelung der Vorträge zu drei statt vier Schwerpunktthemen bewerteten viele Teilnehmer im Gespräch mit der LVT-Redaktion als Gewinn. Auf die QS-Leitertagung vom 23.-23. Juni 2020 im Radisson Blu Hotel Dortmund darf man gespannt sein.
 


Teilnehmerstimmen

Claudia Bruckner, Leiterin des Qualitätsmanagements bei der Jomo Zuckerbäckerei in Leobendorf wurde nach der Veranstaltung von LVT LEBENSMITTEL Industrie um ein schriftliches Statement zur QS-Leitertagung gebeten. Sie schrieb:
„Eine gelungene Veranstaltung für alle Bereiche der Lebensmittelindustrie mit praxisnahen Beispielen, die ein breites Wissensspektrum an qualitätsrelevanten Themen vermittelt haben.“

Dr. Markus Zell, von der GBA Gesellschaft für Bioanalytik in Hamburg schrieb LVT LEBENSMITTEL Industrie auf Anfrage:
„Eine gut organisierte und durchdachte Konferenz mit interessanten Vorträgen rund um die Qualität von Lebensmitteln. Man bekommt einen aktuellen, praxisorientierten Überblick und hatte gleichzeitig die Möglichkeit zu einem guten fachlichen Austausch zwischen den Vorträgen. Wir von der GBA Group waren froh daran teilzunehmen und unsere Dienstleistung im Bereich Lebensmittel-Analytik und –Beratung zusätzlich mit einem Stand zu präsentieren. Wir kommen nächstes Jahr auf jeden Fall wieder – Fazit: praxisnah, informativ und ein gutes Netzwerk.“

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