Bericht von der 10. Fresenius-Produktionsleiter-Tagung 2017 in Dortmund

Die LVT-Redaktion hat die zweitägige Veranstaltung der Akademie Fresenius besucht

  • Abb. 1: Moderator Dr. Jochen Brose (rechts, TDM Sachverständigenbüro) und Privatdozent Dr. Hartmut Evers, KHS. © LVTAbb. 1: Moderator Dr. Jochen Brose (rechts, TDM Sachverständigenbüro) und Privatdozent Dr. Hartmut Evers, KHS. © LVT
  • Abb. 1: Moderator Dr. Jochen Brose (rechts, TDM Sachverständigenbüro) und Privatdozent Dr. Hartmut Evers, KHS. © LVT
  • Abb. 2: Ralf Ohlmann, sprach über „Luftmanagement zur erhöhten Lebensmittelsicherheit und reduzierten Prozesskosten“. Der Referent ist wissenschaftlicher Forschungsleiter des Ingenieurfachplanungsinstituts Just in Air. © LVT
  • Abb. 3: Ulrich Böhm, Projektleiter Betriebsführung & Contracting bei Envirochemie, sprach über Abwasser in der Lebensmittelproduktion. © LVT
  • Abb. 4: Hans-Werner Ahrens gab gemeinsam mit seinem Kollegen Jürgen Schäfer von der Conditorei Coppenrath & Wiese einen Praxisbeicht zum Thema „Interne Schulungs und Qualifizierungsoffensive”. © LVT
  • Abb. 5: Dr.-Ing. Jürgen Kreuzig, LVT. © LVT

Das Kompetenz-Forum für Produktionsleiter und Technische Leiter versammelte am 24. und 25. Januar 2017 rund 126 Teilnehmer zum 10. Fresenius-Jahresauftakttreffen nach Dortmund. Erneut trafen sich Führungskräfte aus Lebensmittel und Getränke produzierenden Unternehmen mit Wissenschaftlern, Technikern und Experten aus der Zulieferindustrie.

Im Namen der Akademie Fresenius begrüßte Ilka Müller die Tagungsteilnehmer und übergab die Moderation an Veranstaltungsleiter Dr. Jochen Brose (TDM Sachverständigenbüro). Dr. Brose informierte das Auditorium, dass der Referent Ulf Silbernagel (Milei) leider kurzfristig verhindert wurde und dankte Herrn Matthias Wilhelm von IE Food, für seinen äußerst kurzfristigen Entschluss zur Präsentation seines Hygienic Design-Themas.

„Habe ich das eigentlich schon erwähnt?“, fragte Jochen Brose seine Zuhörer: „Das wichtigste an dieser Tagung sind die Pausen“ und zielte damit auf den Dialog unter den Teilnehmern. Zeit für diesen Austausch gaben Kaffeepausen, gemeinsame Mittagessen und die Abendveranstaltung.


Die Produktionsleiter-Tagung 2017 behandelte die Themen:

  • die Anlage im Mittelpunkt,
  • Prozesse optimieren,
  • der Mensch im Mittelpunkt,
  • auf dem Weg zur nachhaltigen Produktion.

Hygienic Design in der Planung

Matthias Wilhelm, IE Food, sprach über „hygienic Design bei der Planung von Lebensmittel herstellenden Betrieben“. Der Referent stellte sein Unternehmen kurz vor: 90 Mitarbeiter seien in der IE Group beschäftigt. Das Unternehmen mit seinen Standorten in Zürich, Nyon und München gehöre zu 100 % den Mitarbeitern. Die IE Group begleite ihre Kunden von der Idee bis zur Realisierung der Produktionsstätte über Entwicklung, Produk­tionstechnik, Betriebsplanung, Bauplanung und Baurealisierung. Matthias Wilhelm beschrieb das prinzipielle Vorgehen bei der Planung von Lebensmittelproduktionsgebäuden: Die Planungsgrundlagen bildeten die Anforderungen aus dem Lebensmittelrecht, Lebensmittelhygieneverodnungen, der Codex Alimentarius, HACCP-Konzepte, EU-Hygieneverordnung, Standards (BRC, IFS, FSSC22000), firmeninterne Hygieneanforderungen und Qualitätsstandards.

Planungsziel sei dabei stets die Lebensmittelsicherheit und damit der Schutz des Konsumenten. Diese Lebensmittelsicherheit verdiene einen ganzheitlichen Ansatz in der Planung der Produktionsstätte. Sie müsse die künftigen Produkte, das Personal, die Prozessmedien, die Logistikprozesse, die Rohstoffe und Hilfsmittel, die Produktionsprozesse, die Umgebung der künftigen Fabrik, das Qualitätsmanagement, die Qualitätskontrolle ebenso berücksichtigen wie Gesetze, Normen und Richtlinien. Mit den Worten: „Effizienz und Produktsicherheit ziehen nicht an einem Strang“, beschrieb Matthias Wilhelm das Planungsdilemma, dem jede Gebäudeplanung für die Nahrungsmittel- und Getränkeproduktion ausgesetzt ist.

Hygieneplanung gehe bis in das Detail, wie z. B. bei der Beleuchtung. „Zur Reduktion der Staubablagerungen haben wir vor zehn Jahren eine Hygieneleuchte als Alternative zur Wannenleuchte entwickelt“, sagte Matthias Wilhelm. Als Fazit identifizierte der Referent wichtige Erfolgsfaktoren für das Hygienic Design bei der Planung von Lebensmittel herstellenden Betrieben:


  • frühes Einbinden des Themas Hygiene in den Planungprozess,
  • schlüssige Hygienekonzepte mit definierten Zonenübergängen,
  • Beherrschung der Schnittstellen zwischen Anlagentechnik, technischer Gebäudeausrüstung und Gebäude,
  • weitgehende Minimierung der Risikopotentiale,
  • ganzheitliche Weiterverfolgung der Hygiene in allen Phasen der Planung,
  • Sicherstellung der Umsetzung der geplanten Maßnahmen,
  • Schulung und Einweisung der Mitarbeitenden.

Luftmanagement

Der anschließende Vortrag befasste sich mit Aspekten des hygiene-klimatischen Prozessumfeldes. Ralf Ohlmann sprach über „Luftmanagement zur erhöhten Lebensmittelsicherheit und reduzierten Prozesskosten“. Der Referent ist wissenschaftlicher Forschungsleiter des Ingenieurfachplanungsinstituts Just in Air. Bei den Kunden des Unternehmens handele es sich zu 80% um Lebensmittelbetriebe. „Wir sehen uns als die Machmals“, verdeutlichte Ralf Ohlmann den pragmatischen Ansatz von Just in Air. Anforderungen würden immer aus der Sicht des Produktes gesehen und bewertet. Die Erfahrung zeige jedoch: Ein aussagefähiges, funktionales Lastenheft, was die Luftreinigungsanlage leisten soll, fehle oft. Gekauft in Sachen Luftreinigung werde dann meistens das, was am preiswertesten sei. Einfache Zusammenhänge, wie z. B. ein Deckenkühler als eine mögliche Kontaminationsquelle in der Produktion von Kochschinken, würden oft nicht erkannt. Häufig seien die mit der Qualitätssicherung befassten Mitarbeiter viel zu sehr in administrative Aufgaben eingebunden. Dieses Engagement fehle dann im Prozess. Wann erfahre z. B. die Qualitätssicherung im betrieblichen Alltag, dass aktuell die Klimaanlage ausgefallen sei? Weiß sie überhaupt, wo sich im Betrieb die Lüftungsanlage befindet?

Bei der Planung sei die Auslegung des hygiene-klimatischen Prozessumfeldes produktverfahrensabhängig. In der Anwendung konkurrierten Reinraum und Sauberraum. Auch bei dieser Technologie-Entscheidung gelte der Grundsatz: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. „Hygienisch betrachtet ist die Oberfläche die Beste, die gar nicht da ist“, sagte Ralf Ohlmann. Die Aufgabenstellung aller Planungen im Luftmanagement sei in jedem Fall ein produktangepasstes Umfeld und nicht etwa ein prozesstechnisch angepasstes Produkt.

Druckluft

Privatdozent Dr.-Ing. Hartmut Evers von KHS in Bad Kreuznach sprach über „Druckluft, die teuerste Energie im Getränkebetrieb“ und fragte zu Beginn seines Vortrags nach den Kosten für einen Kubikmeter Druckluft bei einem Druck von 7 bar und einer Leistungsaufnahme von 0,1 kWh/m3 zum Preis von 0,10 €/kWh. Das Ergebnis von 0,013 €/m3 sei zwar so richtig berechnet, berücksichtige aber keinerlei Leerlaufverluste der Anlage.

Prinzipiell sei darauf zu achten, dass der Energiebedarf eines Kompressors um ein Vielfaches höher sei, als der eines Elektromotors. Daraus ergebe sich, dass Druckluft etwa 20-40 mal teurer sei als Strom und mit dem gleichen Faktor steige auch die CO2-Belastung der Umwelt. Andererseits könne eine effiziente Druckluftversorgung 30-50 % der Kosten einsparen. Für die effektive Nutzung von elektrischen Antrieben an Stelle von Druckluft könne bis zu maximal 95 % der elektrischen Energie eingespart werden. Das größte Einsparpotential bestünde also darin, die Optionen der „Druckluftsubstitution“ mit denen der „effizienten Druckluftversorgung“ sorgfältig gegeneinander abzuwägen.

Der Referent legte einen Schwerpunkt seines Vortrages auf die Messung und auf die wirtschaftliche Bedeutung von Leckageverlusten. Bei einem Lochdurchmesser von 10 mm und einem Druck von 6 bar kämen im Jahresverlauf sehr schnell fünfstellige Eurobeträge an verlorenen Energiekosten zusammen. Im Detail beschrieb Hartmut Evers unterschiedliche Energie-Einsparoptionen, wie sich diese z. B. durch die Druckbandregelung und an Hand von Wärmerückgewinnung ergeben.

Weitere Themen

Weitere wertvolle Impulse für die täglichen Aufgaben in der Lebensmittelindustrie gaben die folgenden Referenten: Dirk Nikoleiski, Mondelez International und Vorstandsmitglied der EHEDG Deutschland, gab eine Präsentation zum „Leitlinien-Cluster Cleaning & Disinfection der EHEDG“. Ulrich Böhm, Projektleiter Betriebsführung & Contracting bei Envirochemie, sprach über „Abwasser in der Lebensmittelproduktion“. Prof. Dr. Dirk Volta, Hochschule Flensburg, sprach in seinem Vortag zur „Energieeffizienz versorgungstechnischer Systeme“ und ergänzte einen Ausblick auf die Energiewende und auf die energieautarke Fabrik. Mit seinem Praxisbericht über „Energiemanagement und Verbrauchsreduzierung bei Jack Link´s ins Ansbach“ gab Plant Manager Dr. Knut Köhler ein Branchenbeispiel aus der Fleisch- und Wurstwarenindustrie.

In einen Praxisbericht aus der Getränkeindustrie führte Volker Schlingmann, Staatlich Bad Meinberger Mineralbrunnen, und übergab dann das Wort an Andreas Beckmann von der Firma Trommel. Die beiden Referenten sprachen über das Thema: „Energieoptimierung von Bestandsanlagen durch einen begleitenden Ingenieur-Dienstleistungsvertrag mit Fernmanagement.“ Tobias Stein, Intersnack Deutschland, gab eine Präsentation über „Prozessverbesserung – vom Projektgeschäft mit Schlaubi Schlumpf hin zur Anwendung und Kultur im Produktionsalltag.“ Unter das Motto „Pizza Kritikalizone – Zuverlässigkeit hat nichts mit Zufall zu tun“ stellte Martin Kranich, Nestlé Deutschland, seinen Praxisbericht Instandhaltung und beschrieb die effiziente Durchführung in Kooperation mit SKF bei Nestlé Wagner.

Am Mittwochmorgen, dem 25. Januar 2017, eröffnetete Marlies Kittelmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin die Vorträge mit Ihrer Präsentation „sichere Maschinen – Überblick über Anforderungen beim Inverkehrbringen und bei der Beschaffung“. Demgegenüber beschrieb Robert Höge, Prokurist und Corporate Quality & Compliance Manager bei Multivac, „aus Sicht eines Verpackungsmaschinenherstellers: Produkt- und Marktbeobachtungspflicht“. In die juristischen Aspekte führte der Vortrag von RA Dr. Thomas Wilrich, Kanzlei Wilrich, zum Thema „Bestandsschutz oder Nachrüstungspflicht – wann verlangt die Betreiberverantwortung was bei Altanlagen?“. Im Themenblock Mensch im Mittelpunkt gab Hans-Werner Ahrens gemeinsam mit seinem Kollegen Jürgen Schäfer von der Conditorei Coppenrath & Wiese einen Praxisbericht zum Thema „interne Schulungs- und Qualifizierungsoffensive”. Stefan Harms, Dextro Energy, präsentierte einen „Praxisbericht: Demografischer Wandel – wie geht ein mittelständisches Unternehmen mit seiner älter werdenden Belegschaft um?“.

Produktion 2040

Zum Abschluss gab Prof. Dr. Andreas Syska von der Hochschule Niederrhein mit seinen gezielten Fragen Denkanstöße zu möglichen Zukunftsszenarien in seinem „Perspektivbeitrag: 2040 – Arbeit in der Fabrik von Übermorgen“. Zum Auftakt fragte er seine Zuhörer: „Wo arbeiten Sie und wie lange arbeiten Sie schon da?“, und fragte gleich nach: „Ist der Scheitelpunkt der Lebeszyklen Ihrer Produkte nicht längst überschritten? Sie haben doch schon längst Ihr Geld verdient! Wozu wollen Sie noch wachsen? Machen Sie Ihren Laden dicht!“ Mit Blick auf die von Stefan Harms beleuchtete Demografie-Frage in Deutschland suggerierte Syska, dass für eine Wachstumsperspektive im Absatz von Lebensmitteln und Getränken immer weniger Kunden immer mehr konsumieren müssten. „Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, dass Ihre Kunden dicker und dicker werden“, sagte Syska.

Dann sprach der Referent etwas an, dass jedem Produktionsleiter Herausforderungen bereite: die kurzfristigen Veränderungen von Produktions-, Verpackungs- und Logistikprozessen durch die Sonderaktionen des Handels oder dessen Wunsch nach Sondergrößen oder Mischkartons. 2040 würden solche kurzfristigen Veränderungen der Standard sein. Unternehmen spielten da nur noch eine untergeordnete Rolle, denn temporäre Netzwerke und Systeme würden zur Lösung solcher Aufgaben entstehen, die Aufgaben übernehmen und nach deren Abschluss wieder heruntergefahren werden.

Arbeit 2040

„Kennen Sie das? Sonderaktionen? Diese Kometeneinschläge in die Supplychain? Es ist Ihr Stress! Warum tun Sie sich das an? Ach ja! Sie haben ja vergessen, den Laden zu schließen!“, sagte Andreas Syska. Den Modebegriff „Work-Life-Balance“ bewertete der Referent mit den Worten: „Ich habe nie einen dämlicheren Begriff gehört. Wenn Work das Gegenteil von Life ist, dann ist Work also der Tod?“

Syska fragte einen Zuhörer im Auditorium: „Haben Sie eine Zeiterfassung im Betrieb? Ja? Was messen Sie da eigentlich?“. Die Parameter des festen Ortes und des festen Zeitrahmens definierten heutige Vorstellungen eines Arbeitsplatzes. Künftig sei das anders: Vielleicht stünde die Zeit fest, aber der Ort nicht, wie bei einer Telefonkonferenz? Vielleicht stünde der Ort fest, aber die Zeit nicht? Vielleicht würden dann „Digitalnomaden“ irgendwann während ihrer Reise durch Südamerika mit digitalen Endgeräten die Webshops füllen? Bei der Arbeit der Zukunft seien Ort und Zeit zunehmend frei, für Führungskräfte bedeute dies: „Je mehr Freiräume Sie schaffen, desto attraktiver wird es für Sie zu arbeiten“, so Syska. Ruhiges Nachdenken über die eigene Arbeit fände ohnehin immer häufiger im Privaten statt.

Zukunft als Gestaltungsaufgabe

„Mit dem Blick auf 2040 sehe ich dauerhafte Unternehmen nicht mehr“, sagte Syska. Unternehmen definierten sich über Beziehungsqualitäten und Netzwerke, über Fans und Follower, man werde nicht mehr so klar unterscheiden können: Handelt es sich um einen Kunden oder um einen Mitarbeiter? Strukturen würden sich auflösen, Organigramme würden obsolet. HR, Personalwesen? Wozu bräuchte man das dann noch?

Dank der Digitalisierung sei 2040 die Produktivität vielleicht um den Faktor zehn gesteigert. „Verdienen wir dann auch alle das zehnfache?“, fragte Andreas Syska. Oder gebe es ein bedingungsloses Grundeinkommen oder gebe es in der Gesellschaft dann nur wenige Automatisierungsgewinner und immer mehr Automatisierungsverlierer? Zukunft sei aber nicht das, was er als Referent hier und heute erzähle, schloss Prof. Dr. Andreas Syska von der Hochschule Niederrhein, sondern „das, was Sie daraus machen! Denken Sie über das Werkstor hinaus. Denken Sie gesamtgesellschaftlich!“.

Fazit

Erneut ist dem Team der Akademie Fresenius und dem Moderator Dr. Jochen Brose ein inspirierendes Jahresauftakttreffen in Dortmund geglückt! Die beeindruckende Themenvielfalt bot wertvolle Impulse für die täglichen Aufgaben im Betrieb und zukunftsweisende Denkanstöße über den Tag und „das Werkstor“ hinaus. Auf das nächste Fresenius-Jahresauftakttreffen „Produktionsleitertagung“ am 23.-24. Januar 2018 im Radison Blu Hotel in Dortmund darf man gespannt sein.

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